Erkar Bodin – Band 2 der Yrangir – Bücher

Erkar Bodin – der Yrangir – Fantasy – Krimi und Band 2 der Trilogie erschien im Juni 2014

Jan-Viebahn-Erkar-Bodin-600

Erkar Bodin, Leutnant der Stadtwache in der Hauptstadt des Kaiserreichs und zuständig für Mordfälle, ermittelt in einem Doppelmord: Zwei Priester eines heiligen Ordens wurden grausam gefoltert und dann hingerichtet. Bodin folgt den Spuren kreuz und quer durch die große Stadt. Doch schon bald gerät er in Verstrickungen, die ihn erahnen lassen, dass es um etwas viel Größeres als nur um zwei Morde gehen könnte. Die Hitarii, die Feinde des Kaiserreichs im Süden, scheinen ihre Finger überall zu haben. Ist Erkar in der Lage, die Fäden des Schicksals zu entwirren, seine Angebetete zu retten und die Verschwörung aufzudecken?

Buch kaufen

Leseprobe aus Erkar Bodin:

Kalte Augen und eine lange Narbe am Hals stachen bei dem Mann ins Auge, der im Vorzimmer zum Büro von Stadtwachekommandant Herzog Grimlok wartete. Er spielte, offenbar gelangweilt, geschickt mit einem langen Klappmesser, um sich die Zeit zu vertreiben. Der Sekretär Grimloks betrachtete ihn argwöhnisch.

Was wollte dieser Kerl von seinem Herren? Der Kleidung, seiner wettergegerbten Haut und den verfilzten schwarzen Haaren nach zu urteilen war er ein Strauchdieb aus der Vorstadt. Ungepflegt und verkommen das war nicht die Klientel, mit der sich der Herzog sonst umgab.

Gerade waren zwei hohe Ratsmitglieder im Amtszimmer, um sich mit seinem Herren zu beraten. Herzog Grimlok verfügte über hohes Ansehen in Terrosilia. Schließlich war er von kaiserlichem Blut und als Onkel des Kindkaisers bekleidete er Rang eins in der Thronfolge. Sollte dem Kindkaiser etwas zustoßen, so wäre es an ihm, das Reich zu führen.

Seit dem tragischen Krankheitstod des Kaiservaters im vergangenen Jahr arbeitete der Herr des Sekretärs stets daran, gute Kontakte mit der Oberschicht der Hauptstadt und des Kaiserreichs zu unterhalten. Es war wichtig, dass die hohe Gesellschaft Terrosilias nun näher zusammenrückte, um die Lücke zu füllen, die der Verlust ihres geliebten Kaisers hinterlassen hatte.

Der Besucher ließ das Messer hochfliegen und es landete mit der Spitze im Eichenboden. »Dies ist nicht der Ort für Messerspielchen!«, fauchte der Sekretär mit tonloser Stimme nun streng. Die Antwort war ein langer Blick aus den kalten Augen, aber immerhin bequemte sich die Gestalt dazu, das Messer widerstrebend aus dem Boden zu ziehen und einzustecken. Mit angewidertem Gesichtsausdruck wandte sich der Sekretär ab.

Noch ein abschätziger Blick aus dem Augenwinkel und dann hing er weiter seinen Gedanken nach. Er verstand nicht, wieso sein Herr nicht ohnehin schon Kaiser war. Was sollte ein Kind auf dem Thron? Es brauchte eine starke Hand, um das Kaiserreich zu führen. Und es brauchte auch nicht diese neuartige fixe Idee vom Rat des Pöbels. Die gehobene Schicht der Innenstadt, zu der er sich natürlich zählte, musste das Sagen haben. Leute wie er, die wichtige Arbeit für das Kaiserreich leisteten, sollten nicht ihrer Stimme beraubt werden. Stolz blickte er auf das Symbol des kaiserlichen Hauses, zwei sitzenden Löwen, das auf einem Schild gemalt an der Tür zu Herzog Grimloks Arbeitszimmer hing. Er merkte, wie der Besucher ihn beobachtete.

Man munkelte, der Kaiser sei keines natürlichen Todes gestorben, sondern die seltsame Krankheit, die ihn befallen hatte, sei die Folge eines seltenen Giftes gewesen. Doch niemand hatte Beweise für diese Theorie. Er persönlich vermutete, dass einige Ratsmitglieder dahintersteckten. Der Wirt seiner Stammkneipe hatte sich dazu kürzlich geäußert. Er habe gehört, der Rat wolle die Macht an sich reißen. Das hatte er nun ja auch geschafft!

Kurz vor seinem Tod hatte der Kaiser noch zusammen mit den angesehensten neun Magistern den »Hohen Rat« gegründet. Angeblich, um mehr Gerechtigkeit im Reich zu schaffen. Der Sohn des Kaisers war zwar zum Oberhaupt des Kaiserreichs erklärt worden, aber er war erst zwölf Jahre alt.

So lag nun die faktische Macht bei den hohen Magistern. Der Hohe Rat herrschte mithilfe eines erweiterten Gremiums, in dem alle Gildenoberhäupter der Stadt saßen. Doch dem Sekretär gefiel diese Art der Regierung nicht. Zu viele hatten ein Mitspracherecht, so wurden sinnlose Entscheidungen getroffen und die nicht selten in endlosen Verfahren. Der Rat machte aus den simpelsten Dingen ein Problem. Auf diese Weise war ja wohl auch dieses höchst ärgerliche Gesetzesvorhaben entstanden, die das niedere Volk der Vorstadt den hohen Bürgern Terrosilias gleichsetzen sollte.

Man wollte dem einfachen Gesindel tatsächlich Einfluss einräumen, indem die Gründung einer Gilde der Vorstadt gestattet werden sollte. Eine Gilde der Vorstadt, hatte man so etwas schon mal gehört?

Das Oberhaupt dieser Gilde würde im erweiterten Rat sitzen und die neun Magister bei ihren Entscheidungen womöglich beeinflussen. Das durfte nicht sein. Die Gilden waren der Kern der hohen Gesellschaft in der Hauptstadt, allesamt ehrbare Menschen, die sich ihr Brot sauer und ehrlich verdienten. Seit jeher war es so, dass Terrosilias Bürger in Gilden organisiert waren, die klare hierarchische Strukturen hatten: Geführt von einem Oberhaupt und unterstützt durch die Ratschläge vieler Bürger, die nicht wie diese Halunken in den Armenvierteln waren, die seiner Ansicht nach den ganzen Tag nichts taten, als herumzusitzen und zu betteln.

Sein Herr tat richtig daran, die Ratsmitglieder zu überzeugen, dass eine Gilde der Vorstadt Unsinn war. Die Stände mussten gewahrt bleiben, das niedere Volk hatte im Rat nichts zu suchen und der Rat gehörte nicht an die Spitze des Kaiserreichs. Das Reich brauchte wieder einen starken Kaiser, anders war der Bedrohung durch die Hitarii und ihrer Orks, die das Kaiserreich nach wie vor im Süden in Unruhe hielten, nicht zu begegnen.

Die schwere Tür zum Amtszimmer des Herzogs öffnete sich und der Sekretär schreckte aus seinen Gedanken auf. Die beiden Ratsherren, Meister Osklot, Vorsitzender der Gilde der Weber und Meister Turingen, Gildenoberhaupt der Eisen- und Waffenschmiede, verließen den Raum. Beim Anblick des wartenden Gesellen rümpften beide die Nase und musterten ihn voller Verachtung. Der Sekretär verstand sie nur zu gut.

Als sie sich im Hinausgehen freundlich von Herzog Grimlok verabschiedeten, beeilte der Sekretär sich, ihnen mit einer tiefen Verbeugung die Mäntel umzulegen.

Nachdem die beiden fort waren, wandte er sich herablassend an den wartenden Besucher.

»Bursche, gleich darfst du eintreten!«

Der Mann blitzte ihn mit seinen tiefliegenden Augen so durchdringend an, dass ihn fröstelte. Solche Augen hatte nur jemand, der nichts Gutes im Schilde führte, dachte er bei sich. Was konnte so einer von seinem Herrn wollen? Er schreckte erneut aus seinen Gedanken auf, als der Herzog in der Tür seines Amtszimmers erschien. Er war hochgewachsen und schlank, hatte einen kurzen blonden Vollbart und halblanges, ebenso blondes Haar. Auf seiner Brust prangte das Wappen des kaiserlichen Hauses, die zwei sitzenden Löwen. Sein markantes Kinn unterstrich seine herrische Stimme, die es gewohnt war, Befehle zu geben. Er kommandierte:

»Jeburn, geh in das Stadtarchiv und besorge mir die Unterlagen zu Erlass Nummer 747 Absatz C!«

»Jawohl, Herr!«

Der Sekretär verbeugte sich beflissen, nahm seinen Mantel und machte sich auf den Weg. Beim Hinausgehen sah er widerwillig zu, wie sein Herr den Kerl mit einem Wink in sein Amtszimmer verwies.

***

Die beiden betraten Grimloks Arbeitszimmer, und alle Freundlichkeit wich sofort aus dem Gesicht des Herzogs. Er setzte sich, bot aber seinem Besucher keinen Platz an, sondern betrachtete ihn mit Missfallen.

Der Mann mit der langen Narbe stand nun vor seinem Schreibtisch. Ein kleines Feuer brannte im Kamin hinter dem wuchtigen Eichenholzschreibtisch und durch das eisige Schweigen im Raum schien es bedrohlich zu knistern.

»Ich habe doch gesagt, keine Treffen in meinem Amtssitz, Szargun!«, entfuhr es dem Herzog schließlich mit schneidender Stimme.

Szargun nahm Pergament und Feder von der Tischplatte, tunkte die Feder in ein Tintenfass und schrieb auf: »Wichtig! Brauchen Entscheidung! Paladin will nicht brennen!«

Grimlok starrte ihn finster an.

Szargun kritzelte weiter. »Glaube scheint ihn zu schützen, dunkle Flammen können ihm nichts anhaben. Vorhaben mit Paladin nicht möglich.«

»Verdammt!«, Herzog Grimlok schlug mit der Faust auf den Tisch, »das kostet uns mindestens zwei Monate. Hat der Priester einen Alternativplan?«

Szarguns Antwort war schnell zu Papier gebracht: »Meister schlägt vor, kaiserliche Garde zu nutzen.«

»Gut, nur wie kommen wir an sie heran? Die kaiserliche Garde ist eine verschworene Gemeinschaft, die nichts dem Zufall überlässt.«

Die Feder kratzte schnell über das Pergament und Grimlok las: »Möglichkeit durch erfahrene Spionin. Können sie einschleusen.«

»Dann schleust sie ein! Hat der Priester noch genug Kraft?«

»Für ein Ritual reicht es noch

»Dann beeilt euch!«

Szargun nickte und wandte sich zum Gehen, dann hielt er inne und drehte sich noch einmal um, kam zurück und schrieb: »Was ist mit dem Paladin?«

Herzog Grimlok hatte sich schon wieder seinen Unterlagen zugewandt und schrieb nun seinerseits etwas auf ein Papier. Wie beiläufig bemerkte er: »Hackt ihm den Kopf ab und verscharrt ihn im Wald, dagegen wird er wohl kaum resistent sein!«

Szargun nickte zustimmend und grinste.

Grimlok schaute noch einmal kurz auf. »Und, Szargun, besorgt mir einen vertrauenswürdigen Sekretär, ich bin meines überdrüssig, er wird immer neugieriger und fängt an, Fragen zu stellen!«

Szargun nickte erneut. Dann verließ er mit langen Schritten den Raum.

Grimlok nahm die von Szargun beschriebenen Pergamente, stand auf, ging zum Kamin hinüber und warf sie ins Feuer. Nachdenklich betrachtete er, wie sie in Flammen aufgingen und den Nachweis dieses Gespräch vernichteten. Das Vorhaben stellte sich einmal mehr als schwieriger heraus denn gedacht. Er brauchte Geduld. Nicht seine größte Tugend, doch sie waren schon weit gekommen. Jetzt hieß es abwarten. Am Ende würde er es ihnen allen zeigen!

***

»Ascheachse«, so nannten die Menschen des Kaiserreichs die Konstellation, wie sie in dieser Nacht am Himmel zu sehen war: Melenkurr, der größere der beiden Monde, der für Vergänglichkeit und die Trauer um die Toten stand, hatte sich vor Talinkurr geschoben, den Mond der Hoffnung und das Glück der Lebenden. Wenn dies geschah und es geschah alle fünf Monate , so besagte der Mythos, schwinden Hoffnung und Glück und die Vergänglichkeit von allem tritt in den Vordergrund. Für die Yrangirer waren diese Tage mit Unheil und schwarzer Magie verbunden. So hieß es, Lohasfur, der Dämon, der einst die Menschheit versklavte, sei in einer solchen Nacht beschworen worden.

Für die junge Frau, die durch einen Gang in den Katakomben unter Terrosilia brutal vorwärts gestoßen wurde, schien sich dieser Mythos des Unheils zu bewahrheiten. Ihr langes braunes Haar war verschwitzt und hing zerzaust in ihrem hübschen Gesicht. Angst lag in ihren Zügen, dieser Ort war unheimlich und die Männer ebenso. Es war dunkel, roch modrig und Wasser floss in dünnen Bächen die grünlichen Wände herab. Dies war die Stadt unter der Stadt, entstanden in vielen hundert Jahren durch immer neue Bauten auf den alten Gemäuern.

Die Furcht der jungen Frau wuchs von Sekunde zu Sekunde und sie stolperte in dem engen Halbdunkel, dass nur von zwei Fackeln der Kapuzenträger erleuchtet wurde. Anstatt ihr aufzuhelfen, trat der Mann, der hinter ihr ging, ihr hart in die Seite und bedrohlich stieß er nur ein Wort hervor: »Weiter!« Sie raffte sich zitternd auf und gehorchte. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie der Körper ihrer alten Magd hinter ihr hergetragen wurde. Sie hatte sich gewehrt, aus einer Wunde am Kopf blutend hing sie schlaff über der Schulter eines der üblen Gesellen.

Es ging weiter durch die Dunkelheit der Katakomben. Trotz ihrer Angst waren ihre Gedanken doch seltsam klar. Die junge Frau hatte nicht einmal gewusst, dass es einen solchen Ort unter ihrer Heimatstadt gab. Diese Gänge mussten uralt sein. Überall Schmutz, Ratten, Spinnweben und muffige, abgestandene Luft begleiteten ihren Weg durch niedrige, halb verfallene Tunnel. Sie hatten die Katakomben durch eine versteckte Steintür in der Kanalisation betreten, nachdem die Männer ihnen auf der Straße aufgelauert und sie dann gefesselt und geknebelt hatten. Die beiden Frauen hatten um Hilfe geschrien, doch alles war viel zu schnell gegangen.

Die kleine Gruppe erreichte einen größeren Raum, in dem sich eine Statue erhob. Sollte das ein Hoffnungsschimmer sein? Es war ein Abbild Pergonias, der Retterin der Menschheit in alter Zeit. Bei ihrem Anblick spürte die junge Frau einen Funken Hoffnung. Doch auf den zweiten Blick sah sie, dass die Statue verfallen war. Ein Arm fehlte und die Farbe war weitgehend abgeblättert, wie sie trotz des düsteren Lichts erkennen konnte. Vor der Statue stand ein Sarkophag, der mit Runen verziert war. Um ihn herum, hatte sich ein weiteres halbes Dutzend Schwarzgewandeter mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen versammelt. Sie hielten Fackeln vor sich.

Als die Entführer sich mit den Gefangenen näherten, lösten sich zwei Gestalten aus dieser Gruppe und kamen ihnen entgegen. Der Körper der Magd wurde niedergeworfen. Die zwei Schwarzgewandeten blieben vor der Gruppe stehen. Einer war groß und kräftig, der andere hatte nur etwa die Größe der jungen Frau. Der Kleinere schlug mit einer Handbewegung die Kapuze zurück und zum Vorschein kam ein über und über mit Runen tätowiertes Frauengesicht. Eine Hitarii, fuhr es der Entführten durch den Kopf. Entsetzt erkannte sie nun auch die Symbole der Chaossonne auf den Umhängen derjenigen, die sie hier erwarteten. Eine schwarze Sonne, die ihre dunklen Strahlen in einen roten Hintergrund sandte das Wappenbild der Dunkelmenschen.

Die Hitarii waren die Feinde des Kaiserreichs im Süden. Sie huldigten den Göttern des Chaos und waren wegen ihrer Brutalität und Skrupellosigkeit gefürchtet. Kjulan Schwarzklinge, ihr Fürst, gebot über eine gewaltige Orkarmee, die Angst und Schrecken bis über die Grenzen des Reiches hinaus verbreitete. Es herrschte seit Beginn des Jahres ein nur brüchiger Friede, der jederzeit von einem Angriff beendet werden konnte.

Mutlosigkeit ergriff die junge Frau, sie fiel auf die Knie und schluchzte. Die Hitarii ging um sie herum und musterte sie von oben herab. Dann streckte sie eine tätowierte Hand aus und fasste ihr ans Kinn, zog ihr Gesicht nach oben. Sie raunte etwas mit bedrohlicher Stimme in der kehligen Sprache der Hitarii zu dem Größeren, der reglos neben ihr stand, und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Ihre Stimme hallte in der Weite der unterirdischen Halle finster wider. Der andere nickte und gab ihren Entführern einen Wink.

Diese fassten sie unter den Armen und schleiften sie zu dem Sarkophag. Sie zerrten sie auf die Deckplatte und fingen an, sie darauf zu fesseln. Verzweifelt versuchte sie, sich zu wehren, doch gegen die Übermacht kam sie nicht an. Todesangst stieg jetzt in ihr auf. Sollte sie den dunklen Göttern geopfert werden? Aber warum? Sie hatte doch nichts getan! Panisch versuchte sie erneut, sich zu befreien, doch die Fesseln hielten sie eisern nieder. Sie versuchte zu schreien, doch der Knebel in ihrem Mund erstickte das Geräusch nahezu vollends.

Die Verhüllten bildeten einen Halbkreis, der Statue zugewandt, vor der auf einem kleinen Altar mit züngelnder Flamme ein Kraut abbrannte, dessen Gestank kaum zu ertragen war. Zwei Hitariifrauen knieten neben dem offensichtlichen Anführer, der nun die Arme ausbreitete und in einen dunklen Singsang verfiel. Düster stimmten die anderen Gestalten ein …

***

Einige Monate später, es war finsterste Nacht, Wolken hatten sich über die beiden Monde von Yrangir geschoben, sah man ein schwaches Fackelleuchten in einem der Kellerfenster des Klosters der »Heilenden Hände« unweit außerhalb Terrosilias. Dort im Weinkeller stand Zerxas mit grimmigem Blick vor seinen Opfern.

Der bucklige Halbork hielt einen langen geschwungenen Dolch, von dem in Schlieren Blut herabtroff, vor Irions Nase und flüsterte bedrohlich: »Entweder du sagst es mir, oder ich schneide ihm die Finger ab!«

Irion, ein älterer Mann im Gewand der Heilenden Hände und Priester des Pergoniaordens, kniete mit geweiteten Augen vor ihm, und durch den Knebel in seinem Mund drangen dumpfe, verzweifelte Laute. Seine Gesichtszüge waren vor Angst verzerrt und sein Blick glitt aufgeregt zu seinem jungen Ordensbruder Mistril, der ebenfalls gefesselt und geknebelt neben ihm kniete. Das düstere Licht des Kellers wurde nur von einer Fackel schwach erleuchtet. Im Hintergrund ragten Schemen riesiger Weinfässer auf, die in dem niedrigen Keller in vier Reihen angeordnet waren.

Das Gewand des jungen Priesters war zerfetzt und überall dort blutig, wo der Dolch in seinen Körper geschnitten hatte. Seine Augen waren geschwollen und er hatte eine Platzwunde am Kopf. Die Nase war mehrfach gebrochen. Er bebte vor Angst. Ganz offensichtlich war sein Peiniger nicht zimperlich mit ihm gewesen.

Der Halbork schnaufte nun wütend und Spucke rann zwischen unförmigen Zähnen aus seinem breiten Mund. Er rümpfte seine platte Nase wie vor Ekel, als er seinen Blick zwischen den beiden hin und her wandern ließ. »Die hohen Priester des Lichts!«, lachte er höhnisch.

Leise, aber mit bedrohlichem Ton kam erneut die Frage zwischen seinen wulstigen Lippen hervor: »Wo ist er? Ich frage nicht noch mal!«

Verzweifelt blickte Irion zu Boden und schüttelte kaum merklich den Kopf.

Die kleinen schwarzen Augen des Buckligen funkelten bösartig, als er schnaubte: »Du hast es nicht anders gewollt.«

Damit wandte er sich Mistril zu und ergriff seine gefesselten Hände. Der wehrte sich panisch, aber nach einem harten Schlag mit dem Knauf des Dolches fiel er hintenüber. Er wollte sich aus dem eisernen Griff des Peinigers befreien, doch eine schnelle Bewegung und einen gepressten Schmerzenslaut später hielt der Halbork seinen abgetrennten Daumen in der Hand. Irion blickte mit erstarrtem Blick darauf, dann auf seinen Ordensbruder, der nun vor Schmerz wimmerte. Ungläubig wanderte sein Blick zurück zu dem Daumen.

»Du hast geglaubt, ich mache nicht ernst, was? Besser, du glaubst es jetzt! Das war der Erste, schweigst du weiter, kommen nacheinander die anderen Neun an die Reihe, dann die Zehen, die Ohren und die Nase.« Der Bucklige hielt einen Moment lang inne und betrachtete den alten Priester. Der hatte die Augen krampfhaft geschlossen und schien fieberhaft nachzudenken.

»Sagst du es mir nun? Oder muss ich deinem Bruder hier auch noch die Augen rausschälen, bevor du redest, alter Mann?«

Er musterte Irion im dämmrigen Licht und schnippte ungeduldig mit Daumen und Mittelfinger. Der Priester wirkte klein und schwach, seine Schultern hingen nun herunter und von seinem Gesicht war abzulesen, dass der Widerstand wich. Schließlich öffnete er die Augen und sein Blick wanderte wieder zu dem misshandelten Mistril. Dann nickte er kaum wahrnehmbar und senkte den Kopf.

Der Bucklige grunzte zufrieden, sein fauliger Atem streifte bei den folgenden Worten Irions Gesicht:

»Endlich siehst du ein, wer hier das Sagen hat. Ich nehme dir jetzt den Knebel heraus. Wenn du schreist, ist dein Bruder tot und ich fahre mit deinen Fingern fort, haben wir uns verstanden?«

Irion reagierte mit einem erneuten Nicken. Zerxas zog den Knebel grob aus seinem Mund.

»Nun?«

Irion zögerte noch kurz. »Er ist im Körper der Statue des Orikanus am Eingang. Ihr müsst am linken Handgelenk drehen, dann wird sie sich öffnen.«

»Geht doch! War jetzt gar nicht so schwer, oder?« Der Halbork grinste breit, wobei seine fahle Haut fleckig im wabernden Licht schimmerte. »Stimmt das auch wirklich?«, fragte er noch einmal, griff sich Mistrils Fuß mit der Linken und hielt den Dolch so, als wolle er ihm den kleinen Zeh abschneiden.

Hastig nickte Irion und beteuerte: »Es stimmt, Ihr habt mein Wort als Ordensbruder darauf. Bitte lasst ihn in Ruhe, Ihr habt, was Ihr wollt.«

Mit einem Schnauben, welches in ein böses Lachen überging, richtete sich der Bucklige auf. »Da hast du recht, alter Mann, daher brauche ich euch nun nicht mehr.« Mit diesen Worten rammte er Irion blitzschnell mit aller Kraft den Dolch bis zum Heft in die Brust. Ungläubig wanderte Irions Blick auf den Griff des Dolches hinunter und die Erkenntnis des nahenden Todes schlich sich in seine Augen. Er öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, doch es kam nur ein Rinnsal Blut heraus.

Dann fiel er ganz langsam in sich zusammen.

Der Mörder sah sich das Ergebnis seiner Tat ungerührt einen Moment lang an, zog dann den Dolch heraus und beugte sich nun über Mistril, der noch versuchte, wegzukriechen, aber er wurde an den Haaren hoch gezerrt und dann schnitt Zerxas ihm mit geübtem Schnitt die Kehle durch. Eine Fontäne von Blut schoss heraus und ein gurgelnder Laut entrang sich Mistrils Kehle. Der Bucklige stieß den Sterbenden weg und beobachtete seinen Todeskampf. Ein selbstzufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. Als Mistril den Kampf gegen den Sensenmann verloren hatte, wischte Zerxas den Dolch an den Kleidern des Toten ab, stülpte sich die Kapuze über den Kopf und wandte sich zum Gehen.

Er schlich geräuschlos die Treppe hinauf, nur ein leises Knarren der schweren Kellertür war zu hören, als er sie öffnete. Es gab auch nicht den kleinsten Laut, als der Mörder sich mit einer spukhaft anmutenden Geräuschlosigkeit durch die Stille des Gangs bewegte, der ihn zur Eingangshalle des Klosters führte. Seine Gestalt schien mit der Umgebung zu verwachsen, ein verschwimmender Schemen in der Dunkelheit. Dann erreichte er den Torbogen zur Eingangshalle, in der auch des Nachts immer eine Fackel leuchtete. Geschickt nutzte der Mann die Schatten, die sie warf. Es war totenstill.

Hier standen an den Seiten steinerne Statuen bedeutender Mönche, die Großes geleistet hatten. In der Mitte ragte ein Abbild des Orikanus, des Gottes der Menschen, der für Weisheit, Gerechtigkeit und das Heilige Licht sorgte, übermannshoch auf.

Davor angekommen, betrachtete Xerxas einen Moment die Statue, die den Arm angewinkelt hatte, als wolle sie die Eintretenden segnen. Dann schritt er unbeeindruckt auf sie zu, spuckte zu ihren Füßen aus und machte sich grob am linken Handgelenk zu schaffen. Er fingerte einen Augenblick daran herum, versuchte den steinernen Armreif in die eine, dann in die andere Richtung zu drehen, bis es ihm mit einem Ruck gelang. Mit einem leisen »Klack« öffnete sich am Rücken der Statue eine Klappe und er konnte erkennen, dass die Figur des Orikanus hohl war. Er griff hinein und nahm ein Bündel aus dem Hohlraum. Er wickelte es auf und schaute hastig hinein. Seiner Miene nach zu urteilen, hatte er das gefunden, was er suchte.

Ein lauter Ruf hinter ihm, der in der Eingangshalle widerhallte, schreckte ihn auf:

»Wacht auf, Alarm! Ein Dieb ist hier!« Es war Pater Sefanos, er kam aus Richtung der Küche den seitlichen Gang entlang und hielt ein großes Stück Wurst in der einen und einige Tomaten in der anderen Hand. Sofort waren von überall Stimmen zu hören. Es schien, als sei das ganze Kloster mit einem Schlag erwacht.

Der Halbork wandte sich um und flüchtete ins Freie, stopfte dabei das Bündel in seinen Mantel und schwang sich nach kurzem Spurt erstaunlich behände über die Mauer. Die ersten Mönche rannten im selben Moment aus dem Haupteingang zur Pforte in der Außenmauer, rissen sie auf und schwärmten aus, um den Eindringling zu finden.

Doch er schien wie von der Dunkelheit verschlungen. Nichts war mehr von ihm zu sehen oder zu hören, obwohl er nicht weit sein konnte. Nur der beißende Geruch von kaltem Schweiß hing noch in der Luft.

***

Der Morgen dämmerte über dem schier endlos wirkenden Häusermeer zu beiden Seiten des Goorns. Nur am Horizont war weit entfernt ein grüner Streifen erkennbar, dort wo die Felder der Vorbezirke in Wald übergingen. Der breite Fluss zerteilte die Hauptstadt des Kaiserreichs in zwei Hälften. Vier große Brücken überspannten ihn. Terrosilia, die Hauptstadt von Insugnia, Sitz des Kaisers und Handelsmetropole, war nicht nur die bedeutendste Stadt im Reich, sondern auch die größte, deshalb wurde sie von ihren Bürgern auch stolz »Die Große« genannt.

Nach der letzten Volkszählung lag die Anzahl seiner Einwohner bei rund zweihundertundsiebzigtausend. Davon lebten ungefähr die Hälfte in den Armenbezirken außerhalb der Stadtmauern. Diese Schicht war in den letzten Jahrzehnten des Krieges mit dem Dunkelreich aus Bewohnern der Grenzregion mehr und mehr herangewachsen. Die Menschen flüchteten vor den barbarischen Überfällen der Orks in die Hauptstadt, um dort einen Neuanfang zu suchen. Doch war dies nicht so einfach, denn sie wurden nicht als Bürger anerkannt. Dafür sorgten die großen Gilden, die in der Stadt das Sagen hatten. Nur wer genug Geld hatte, konnte sich in das Bürgertum einkaufen und bekam Wohnrechte in der Innenstadt. Alle anderen mussten draußen bleiben.

Im Hinterhof einer der zahlreichen Flussspelunken am Ufer des träge dahinfließenden Goorns stand ein kleines altes Fachwerkhaus, vom Wirt der Kneipe »Zum wiedergeborenen Henker« an einen Leutnant der Stadtwache vermietet. Im ersten Stock lag das Schlafzimmer.

Hier lag Leutnant Erkar Bodin in voller Montur auf seinem Bett. Er war groß und kräftig gebaut und zählte dreißig Jahre. Deutlich wölbte sich beim tiefen Atmen ein kleiner Wohlstandsbauch unter seinem Gewand, welches das Wappen der Stadtwache zeigte, ein weißer Baum auf grünem Grund. Ein schwarzer Backenbart zierte sein Gesicht, der in ein rasiertes Kinn elegant auslief. Das halblange Kopfhaar war ebenfalls schwarz.

Erkar war nicht einmal dazu gekommen, sich Gurt und Schwert abzuschnallen. Er war sofort in tiefen Schlaf gefallen. Dort lag er in seinem fein gegerbten braunen Wams, die schwarzen Rindslederstiefel noch an den Füßen.

Der Leutnant schlief unruhig, seine Augen zuckten unter den Lidern hin und her. Bilder von Menschen, die gepfählt und mit Brandeisen gefoltert worden waren, schossen durch seinen Kopf. Dann das Gesicht eines hämisch lachenden Orks. Gerade ergriff ihn im Traum die kalte Wut und er holte mit seinem Schwert aus, um ihn zu erschlagen, als es unten laut an der Tür pochte.

Leicht verwirrt und schläfrig öffnete er die Augen einen Spalt breit, schloss sie dann aber doch wieder. Er glitt zurück in den Schlaf, suchte den Ork, doch der war fort, abermals entkommen.

Kurz darauf wurde aus dem Pochen ein wildes Hämmern. Erkar schreckte hoch, verzog schmerzhaft das Gesicht und fasste sich an den Kopf.

»Erkar, mach auf!«, dröhnte eine tiefe Stimme von unten empor.

Stöhnend ging Erkar zu seinem Waschzuber in der Ecke des Raumes. »Ja, ja«, murmelte er und steckte gleich den ganzen Kopf in das kalte Nass.

»Erkar, verdammt, mach auf, du hast Bereitschaft!«

Prustend richtete sich der Leutnant auf und eisiges Wasser rann ihm aus den Haaren in den Nacken. Sein Kopf pochte, die Träume aus seinen Kriegszeiten waren in letzter Zeit häufiger. Er schüttelte sich, ging zum Fenster und öffnete es.

Unten stand Hauptmann Brax von der Stadtwache, groß und muskulös, mit Glatze und sauber rasiert. Auch er trug den Wappenrock der Stadtwache und war voll gerüstet.

»Da bist du ja endlich«, dröhnte er, als er Erkar erblickte. »Es hat einen Mord im Kloster der Heilenden Hände des Pergoniaordens gegeben. Dein Fall. Kümmer dich drum!«

Erkar blickte missmutig hinunter.

»Hopp, hopp, heute noch!«, bellte der Hauptmann harsch, und Erkar begab sich auf den Weg nach unten. Auf der Treppe zog er einen kleinen gusseisernen Behälter mit einem Korkstöpsel aus der Tasche, hielt inne, öffnete ihn und nahm einen ordentlichen Schluck. Dann verstöpselte er ihn wieder und steckte ihn zurück. Draußen angekommen schlug ihm der Hauptmann kräftig auf die Schulter. »Guter Mann! So will ich das sehen. Und jetzt spute dich!«

Erkar nickte, wischte sich mit der Rechten den letzten Rest Schlaf aus den Augen und machte sich auf den Weg.

Buch kaufen

Karte Terrosilia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.