Die Außerirdischen kommen

New York. Der Rat der Vereinten Nationen tagt. Die Vertreter aller Mitgliedsstaaten der Erde sitzen am runden Tisch und hören gerade dem Abgeordneten Malilands zu, der die Auswirkungen des fundamentalistischen Terrors auf die Wirtschaft in seinem Land beklagt.
Plötzlich gibt es einen grellen Lichtblitz in der Mitte des Raumes und alle fallen vor Schreck von ihren Stühlen.
Als der Vertreter Chiles wieder etwas sehen kann, bekreuzigt er sich schnell und ruft unvermittelt: »Oh mein Gott, was ist das?«
Mitten im Raum steht eine metallene Kugel, mannshoch, tiefschwarz schimmernd. Sie dampft, als wäre sie feucht und großer Hitze ausgesetzt gewesen.

Jan Viebahn - Die Außerirdischen kommen 1


Einige Augenblicke später öffnet sich eine Klappe an der Unterseite der Kugel, es zischt, weißer Qualm tritt aus und ein winziges Wesen schreitet auf sieben kurzen Beinen umständlich über eine Wendeltreppe, die sich gleichzeitig ausfährt, hinab. Es hat einen  wurmähnlichen Körper, einen sehr langen dünnen Hals, der von einem der Beine vorne gestützt wird, und darauf zwei quadratische Köpfe.
Es trägt eine Art Raumfahrtanzug, der in dunklem Blau schimmert. Hinter gelblichem durchscheinendem Material sieht man in dem einen Helm ein Auge und in dem anderen einen zahnlosen Mund.
Die Menschen starren das Wesen fassungslos an. Es scheint eine Unendlichkeit zu vergehen, absolute Stille herrscht. Dann fährt der Außerirdische einen kleinen Lautsprecher aus seinem Helm aus und beginnt zu sprechen:
»Ihr Planet unterliegt ab sofort unserem Kommando.«
Dann, zu der Kugel gewandt: »Protektorat Erde übernehmen.«
Die Kugel piept dreimal laut und leuchtet dabei orange auf, sie vibriert nun leicht und strahlt Energie ab.
Der Vertreter Ugandas hat sich als Erster wieder gefasst, er nimmt all seinen Mut zusammen und fragt: »Hei-heißt das, Sie erobern den Planeten?«
Der kleine Kopf mit dem Auge dreht sich zu ihm und es tönt aus dem Lautsprecher:
»Korrekt, in diesem Moment werden alle Ihre Waffen in ein schwarzes Loch unweit der Milchstraße gebeamt, um dort eingeschmolzen zu werden.«
Bei diesen Worten bricht Panik unter den Menschen aus, sie laufen wild durcheinander, schreien ängstlich, reißen die Telefone ans Ohr und versuchen davonzukommen.
Der winzige Außerirdische sieht sich das einen Moment an und klopft dann mit einem seiner Beine kurz auf den Boden.
Augenblicklich frieren alle Bewegungen im Raum ein.

Jan Viebahn - Die Außerirdischen kommen 3
»Hören Sie mir zu. Panik ist nicht angebracht. Wir sind gekommen, um den Planeten zu retten. Ihr Verhalten gegenüber der Natur, sowie der Tier,- und Pflanzenwelt und auch untereinander ist nicht länger akzeptabel. Der intergalaktische Rat hat beschlossen zu übernehmen, um Sie dem Frieden zuzuführen. Unserer Analyse zufolge ist die Kombination aus übergroßem Egoismus des Menschen sowie dem turbokapitalistischen System der Kern des Problems der Menschheit. Daher gilt ab sofort ein neues System:

Punkt 1: Die nationalen Regierungen werden aufgelöst und der Zentralverwaltung unterstellt. Das Protektorat Erde wird gegründet.
Punkt 2: Alle Menschen werden absolut gleichgestellt, wer Fragen hat, kann sie an die Zentralverwaltung stellen. (dabei deutet er mit einem seiner Beinchen auf die Kugel.)
Punkt 3: Geld wird zum reinen Tauschmittel, niemand darf mehr besitzen, als er braucht, um einen Monat zu leben, aller überschüssiger Besitz wird der Zentralverwaltung unterstellt.
Punkt 4: Jeder erhält jeden Monat genug Nahrung, Kleidung und Geld, um davon anständig zu leben.
Punkt 5: Bananen werden ihrer Spezies zufolge ab jetzt für die Oberschicht der Vergangenheit das Hauptnahrungsmittel sein. Bananenautomaten mit frischen Früchten werden bereitgestellt. Wer eine Banane will, muss sich nur vor den Automaten stellen und »UGA« sagen, die Maschine wird Sie anhand Ihrer Stimme analysieren, erkennen und Ihre Banane auswerfen. Guten Appetit!
Punkt 6: Alle ehemals Reichen und Mächtigen tragen ab jetzt ein Jahr lang zur Feier der Befreiung der Erde Partyhütchen. Es besteht zudem die Pflicht, siebendundzwanzigmal am Tag in das zugehörige Partypfeifchen zu pusten und es auszufahren.

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Punkt 7: Wer den neuen Gesetzen zuwider handelt oder gar Gewalt anwendet, wird augenblicklich auf einen Minenmond gebeamt und bekommt eine Spitzhacke, mit der er den folgenden Monat Steine klopfen und über sein Verhalten nachdenken darf.

Der Kleine klopft wieder mit dem Fuß auf und der Moment des Einfrierens ist vorbei.
Ein Sicherheitsmann, der gerade zuvor in Richtung des Winzlings stürmen wollte, kommt näher. Er streckt die Rechte aus, um ihn zu packen. Seine Hand ist fast so groß wie der ganze Körper des Wesens. Doch kurz bevor er ihn erreicht blitzt es grell auf und der Wächter ist verschwunden.
Der Außerirdische fährt einen Projektor aus seinem Anzug aus und es erscheint ein mit überlegener Technik generiertes dreidimensionales Bild im Raum:
Der Sicherheitsmann steht sichtlich frierend mit einer Spitzhacke in einer unendlichen Einöde und blickt ängstlich drein, als eine elektrisch britzelnde Sonde beginnt, ihn zu umkreisen.
»Minenmond.« ertönt es aus dem Lautsprecher. »Geben Sie das an Ihre Organisationen weiter. Wir warten hier auf Anfragen.« Und mit diesen Worten stiefelt er umständlich wieder die kleine Wendeltreppe hinauf, die sich dabei einfährt. Die Kugel schließt sich einen Moment später mit einem Klacken.
Die Vertreter der Vereinten Nationen starren sich gegenseitig verwirrt an. Es blitzt wieder grell und auf einmal sitzen alle mit bunten Partyhüten auf dem Kopf und Partypfeifchen im Mund da.
»Pusten!« ertönt es aus dem Lautsprecher. Die anwesenden Menschen scheinen völlig verwirrt, die meisten folgen dem Befehl und als sich die Pfeifchen ausfahren, ertönt ein schrilles Pfeifkonzert, das sich auf jeder Party hätte hören lassen können.
Nur der Vertreter der USA stammelt: »Träume ich?« »Nein!« ertönt es bestimmt aus dem Inneren der Kugel, es blitzt grell. Einige Sekunden später erscheint eine Projektion, die den Mann mit seinem Partyhütchen und der dazugehörigen Pfeife neben dem Sicherheitsangestellten auf dem Minenmond zeigt, wie er gerade seinen teuren Anzug am Kragen an sich zieht, um sich zu wärmen.

Ende

Autor: Jan Viebahn

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