Das Handbuch der Dämonenkunde

Jan Viebahn - Das Handbuch der Dämonenkunde - Front - Printformat

Die NSA hat eine deutsche Behörde im Visier. Agent Joe Pillwitz wird auf das Bundesamt für magische Wesen angesetzt. Was treibt dieses Amt eigentlich? Ist die Arbeit der Abteilung für Dämonologie reiner Unsinn oder gar eine Bedrohung für die Sicherheit der Weltmacht No1? Er macht sich auf zu einer Mission, derer Untiefen ihm zuerst so gar nicht eingehen wollen, bis, ja bis … (aber das sollten Sie vielleicht besser selbst herausfinden).

Das Buch enthält drei tolle Illustrationen von Timo Kümmel.

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Leseprobe aus dem Handbuch der Dämonenkunde:

Wenn man Joe Pillwitz traf, ahnte man, dass er deutsche Vorfahren hatte. Er selbst sprach nicht über sie. Er sah sich als Amerikaner, als Sohn des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten. Als dieser waren seine deutschen Wurzeln für ihn nur ein Schandfleck, den es zu verheimlichen galt. Das ging so weit, dass er seine blonden Haare dunkel färbte und Kontaktlinsen trug, die seine blauen Augen verbargen.

Er war siebenundzwanzig Jahre alt und hatte nach seinem Studium bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten das für ihn einzig Richtige getan. Er war der NSA beigetreten, um seinem Vaterland zu dienen.

Dies war sein erster Auftrag, und er war recht nervös. Sein Vorgesetzter hatte es zwar als Unsinn abgetan, dieses komische „Bundesamt für magische Wesen“, mit der unaussprechlichen Abkürzung BafmW, das in Bonn erstmals an die Öffentlichkeit getreten war. Er hatte ihn aber dennoch mit einem hintergründigen Schmunzeln auf die Mission geschickt. Man wusste ja nicht, was dahinter steckte!

Nun stand er vor der Villa von Martin Gromowski. Joe hatte herausgefunden, dass dieser für das BafmW arbeitete, und zwar in der Abteilung für Dämonologie.

Joe hatte keinen Humor. Falls er lachte, dann nur beruflich, wenn es zu seiner Tarnung gehörte. Heute aber machte er eine Ausnahme. Er schüttelte ungläubig den Kopf und tief aus seiner Kehle kam ein rhythmisches Knurren. Diese Deutschen schienen tatsächlich an Dämonen zu glauben! Aber was wollte man von einem Volk auch erwarten, deren Anführerin es nicht wirklich störte, abgehört zu werden!

Trotzdem war Vorsicht geboten, es konnten alle möglichen Arten von Terrorismus hinter diesem BafmW stecken.

Mit Hilfe des Peilsenders, den er am Auto von Martin Gromowski angebracht hatte, konnte er dessen Bewegungen verfolgen. Vor einiger Zeit hatte er rund fünfzig Kilometer von seiner Villa in Bonn in der Eifel geparkt und seither rührte sich nichts. Er war dem Abhörprotokoll zufolge mit seiner Familie vor einer Stunde fortgefahren, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Es war elf Uhr abends, die Feier würde wohl noch dauern und die Zentrale würde sich melden, wenn sich dort etwas Nennenswertes tat.

Er sah sich um, die Gegend war menschenleer, die Deutschen nutzten die Sommerferien wie üblich, um zu verreisen, niemand war zu sehen, nur vereinzelte Lichter in den umliegenden Villen. Dann atmete er tief durch und kletterte geschickt über die Mauer des Parks, der die Villa umgab.

So leise er konnte, schlich er sich von Busch zu Busch, die Schatten nutzend. Er setzte seine Wärmekamera ein, um nach Signaturen innerhalb des Hauses Ausschau zu halten: nichts. Als er schließlich an der Hintertür angekommen war, fand er nicht mal Anzeichen einer Alarmanlage. Keinerlei Vorrichtungen. Er wunderte sich. Ein solches Haus und dann hatte es keine Sicherheitsvorkehrungen? Sollte ein scharfer Hund im Haus sein? Vorsichtshalber machte er sein Betäubungsgas bereit, ehe er seine Dietriche herausholte. Leise, ganz leise öffnete er das Schloss.

Die Tür schwang mit einem schwachen Knarzen auf. Er hielt inne und horchte. War dort ein Geräusch gewesen? Nach minutenlangem intensivem Horchen kam er zu dem Schluss, dass er sich getäuscht haben musste.

Endlich schaltete er seine Stablampe ein und betrat vorsichtig das große Haus. Laut seiner mitgeführten Pläne lag das Arbeitszimmer im Erdgeschoss unweit der Eingangstür. Dort würde er zuerst suchen.

Joe schlich den Korridor entlang und horchte abermals. War da nicht ein Scharren gewesen? Nein, rief er sich zur Ordnung, das war sicher nur seiner Nervosität zuzuschreiben!

Die Tür zum Arbeitszimmer war nicht abgeschlossen und schwang lautlos auf, als er sie berührte.

Oweia! Dieser Martin Gromowski war kein Freund von Ordnung, wie sie stets von aller Welt den Deutschen nachgesagt wurde. Diesen Mess auf seinem wuchtigen Eichenholzschreibtisch erinnerte an einen Krämerladen, in dem ein Hurrikan getobt hatte. Nichts schien auch nur im Entferntesten planmäßig an seinen Ort gelangt zu sein.

Joe schloss die Tür, setzte sich und durchwühlte den Schreibtisch. Er traf auf viel belangloses Zeug, aber dieser Herr Gromowski schien vermögend zu sein. Das ließen die schlampig in den Schubladen verstreuten Bankunterlagen vermuten.

Dann entdeckte er den Safe unten im rechten Flügel des Schreibtisches. »Strike!«, entfuhr es ihm dann doch ganz leise.

Behutsam machte er sich daran, das Zahlenschloss zu knacken. Es war ein simples altes Modell, welches er auch im Schlaf mit seinem vollautomatischen Handsafeknacker hätte öffnen können.

Mit einem Schnappen öffnete sich der Oldie. Er leuchtete hinein. Dort lagen einige Geldbündel, ein Ausweis und ein dicker Umschlag mit rotem Stempel »Streng geheim«.

»Da haben wir es ja!«, feixte Joe in sich hinein, setzte sich an den Schreibtisch und zog den Umschlag aus dem Safe. Als er den Umschlag öffnete fiel im als Erstes ein kleines Büchlein mit der Aufschrift »Das Handbuch der Dämonenkunde« entgegen.

Joe grinste. Diese Deutschen waren wirklich seltsam! Was sollte das denn sein? Etwa ein Handbuch für Dämonenkontrollbeauftragte? Trotzdem war er neugierig darauf, was in diesem Büchlein zu finden sei und schlug die erste Seite auf.

***

Das Handbuch der Dämonenkunde

Erkennen und Spezifizieren

von Dämonen

Das Bundesamt für magische Wesen möchte Ihnen mit diesem Handbuch einen Leitfaden an die Hand geben, mit dem Sie die gängigsten Dämonenarten einordnen können. Außerdem finden Sie viele Tipps und Verhaltensweisen zur Vermeidung von dämonischer Einflussnahme bzw. der Bekämpfung der Auswirkungen von Begegnungen mit Dämonen.

Wir beginnen mit der Katalogisierung in zwangloser Auflistung:

Dämonenkunde Innenillu 01

Name:

Blumeus Erdbeerus Schnappzutitus.

Umgangssprachliche Bezeichung:

Kleiner Giggler, nicht zu verwechseln mit dem großen Giggler.

Ort des Vorkommens:

Savannen von Ungorien.

Aussehen:

Der Blumeus hat einen hundeähnlichen Körper mit meist sechs Beinen und einem übergroßen Kopf, in dem sich ein Gebiss mit vier Reihen scharfer Zähne befindet. Er hat hornige schwarze Haut und Stacheln auf dem Rücken.

Verhalten:

In freier Wildbahn durchaus gefährlich, kann aber abgerichtet werden.

Gefährlichkeitsklassifizierung:

3 (gefährlich, besonders, wenn man frische Früchte liebt)

Besonderheiten:

Bei dieser Dämonen-Gattung handelt es sich um ein Geschöpf, das über große Täuschungsfähigkeiten verfügt. Wittert Blumeus Erdbeerus Schnappzutitus ein Opfer, so verwandelt er seinen Kopf, der im Gegensatz zu seinem Körper enorm groß ist. Die Schnauze wird zu einer Blüte, in deren Mitte eine wunderbar lecker aussehende Erdbeere an einem Stängel baumelt. Manche Unterarten nutzen auch diverse andere Früchte, je nach Gusto ihres Opfers.

Der Dämon sendet nun Duftstoffe aus, die das Opfer dazu bringen, großen Hunger zu verspüren. Wenn Sie also das Gefühl haben, Sie könnten nicht widerstehen, die Erdbeere zu pflücken, dann Vorsicht! Sie befinden sich bereits im Bann des Dämonen!

Wenn man dies erkannt hat, hilft meist ein herzhaftes Zwicken in den Arm. Dann sollte man sich langsam und vorsichtig entfernen.

Verlust von Körperteilen durch den Dämon:

Für den Fall, dass das Opfer dem Bann des Dämons nicht widerstehen kann, ist meist der Verlust mindestens einer Hand zu beklagen. Der Blumeus Erbeerus Schnappzutitus hat ein äußerst kräftiges Gebiss und beißt gnadenlos zu, sollte man versuchen, die Frucht zu pflücken. Sollten Sie gar versuchen, direkt in die Frucht zu beißen, wäre möglicherweise auch der Verlust Ihres Kopfes die tragische Folgeerscheinung.

Es gibt aber auch Positives zu berichten, denn die Zahl der Todesfälle durch diese Dämonenart ist äußerst gering. Nachdem das Geschöpf eine Hand oder auch nur einen Finger erbeutet hat, flitzt es meist in rasender Geschwindigkeit wild kichernd davon. Natürlich ist dies weniger optimal, wenn Sie Ihre Hand wiederhaben wollen. Wenn Sie sich allerdings in den weiten Savannen der Dämonenwelt Ungoriens befinden, ist das vermutlich Ihr geringstes Problem.

Abgerichtete Blumeii sind dafür bekannt, Haus und Hof ihrer Herren mit todbringender Hingabe zu bewachen.

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