Im Land der Träume

Im Land der Träume

Fantasy – Kurzgeschichte von Jan Viebahn – nach einer Idee von Uwe Hermann

Es waren harte Zeiten im Königreich von Prinz Sorkanbanipal. Zwar hatte das Land seit vielen Jahren keine Kriege mehr gesehen, doch der Prinz erwachte jeden Morgen mit einer weiteren Sorgenfalte in seinem Gesicht. Es lag nicht daran, dass er zu viel feierte, obwohl das von seinem vom Wein und reichlich Essen gezeichneten Gesicht gut hätte abgelesen werden können.
Schuld daran waren seine Verwandten, die sich nicht damit abfinden konnten, dass er der reichste Herrscher diesseits des Nebelgebirges war. Ständig strebten sie nach neuen Schätzen, nur um ihn zu übertreffen, und Sorkanbanipal blieb nichts anderes übrig, als gleichzuziehen. Dabei hätte er nur zu gerne wieder eines seiner rauschenden und im ganzen Lande berüchtigten Feste gefeiert.
Doch seine lieben Verwandten und allen voran sein Schwager Prinz Birpun ließen das nicht zu. Gerade erst hatte Sorkanbanipal von einem seiner Spitzel im Palast von Birpun eine besorgniserregende Nachricht erhalten. Danach sollte es seinem Schwager gelungen sein, sein Vermögen zu verdoppeln. Der Prinz konnte es zuerst nicht glauben und ließ weitere Nachforschungen anstellen – wozu bezahlte man schließlich Heerscharen von Spionen? – und er erfuhr, dass Birpun einen weiblichen Djinn in seiner Gewalt hatte, die für seinen neuen Reichtum verantwortlich war. Sorkanbanipal blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls auf die Suche nach einem Flaschengeist zu machen, um wieder der reichste Herrscher im Lande zu werden.
Er ließ reichlich Proviant und Wein einpacken, zahlte ein Vermögen an seine Spione, um an die Schatzkarte des Ortes zu kommen, an dem Prinz Birpun seinen Flaschengeist gefunden hatte, und machte sich auf den Weg.
Einige Tage später stand er mit seiner Gefolgschaft, einigen Männern seiner Leibgarde, in den endlosen Dünen westlich seines Palastes. Es war tiefste Nacht und ein kühler Wind blies den Sand in die weiten Gewänder der Männer.
Sorkanbanipal musterte die alte Karte aus rauem Kamelleder, dann den Stand der Gestirne. Er stellte sein astronomisches Messgerät genauer ein, blickte hindurch und nickte. Die Zeichen auf der Karte waren eindeutig. Ja, genau hier musste der Eingang zu dem Grab sein.
»Fangt an dort drüben zu graben und keine Müdigkeit vorschützen!« wies er seine Männer an und deutete auf die Seite einer Düne.
Nach einigen Stunden, die Sonne zeigte sich schon sacht am Horizont stießen seine Mannen auf Sandstein. Eine eingelassene Platte in einer Mauer versperrte den Weg. Sie hatten den Eingang gefunden.
»Hebelt die Platte heraus, vorwärts!« befahl der Prinz seinen Mannen barsch. Diese setzten Brechstangen an und ächzten unter dem Gewicht des Steins. Der Schweiß lief ihnen schon bald trotz des kühlen Morgenhauchs die Stirn hinunter. Langsam rührte die Tür sich.
»Stärker, ihr Memmen!« herrschte Sorkanbanipal sie an. Die Männer gaben alles und drückten mit voller Kraft gegen ihre Stemmeisen.
Schließlich brach der Verschluss auf und die schwere Sandsteinplatte krachte auf den Boden. Eine dunkle Öffnung tat sich auf und es roch modrig.
Der Prinz hielt eine Fackel in die Öffnung und leuchtete sie aus, das Licht fiel auf seinen krausen Zwirbelbart, aber ansonsten war nicht viel zu erkennen.
Er zog die Stirn in Falten, so dass sich seine braune Haut zerknitterte. Dann gab er seinem Hauptmann die Fackel und stieß ihn vor ihm durch die Öffnung. Die Anderen folgten zögerlich, man wusste nie bei solch alten Gräbern, da konnten Fallen sein.
Nachdem sie sich um einen Felsvorsprung, der den Eingang halb versperrte, gezwängt hatten, stockte ihnen der Atem. Ein riesiger Haufen von Gold- und Silberstücken, durchsetzt mit Edelsteinen lag auf einem Sarkophag.
Die Männer des Prinzen stürzten sich begeistert auf den Schatz, jubelten und badeten in dem Geschmeide. Sie öffneten den Sarkophag und darin war ein noch größerer Schatz. Sie schrien und sprangen umher wie wilde Hühner.
Der Prinz selbst jedoch hatte etwas anderes entdeckt. Auf einem Felsvorsprung neben dem Goldberg stand eine schlichte Öllampe.
Fast zu unscheinbar, so dachte er bei sich. Er nahm die Lampe und musterte sie. In den alten Sagen hieß es immer, man solle die magische Lampe reiben, dann würde ein Djinn erscheinen, der einem drei Wünsche erfüllte und man könne sich ALLES wünschen, was man wolle.
Sorkanbanipal schürzte den Ärmel um sein Handgelenk und rieb an der Lampe.
Zunächst geschah nichts. Dann begann dünner Rauch aus der Lampe zu steigen, zuerst kräuselte sich nur ein kleiner Faden in der Luft, der sich aber schnell zu einer wirbelnden Wolke entwickelte.
Schließlich war er da. Ein leibhaftiger Djinn, der im Schneidersitz in der Luft schwebend unter seinem Turban auf den Prinz niederblickte.
»Ah, wahrhaftig, ein Djinn.« stieß der Prinz hervor und blickte begeistert auf das mystische Wesen.
Der Djinn jedoch, dessen korpulente Gestalt trotz seiner weiten Wüstengewänder die halbe Höhlendecke füllte, ließ den Prinz nicht weiter zu Wort kommen und fing sofort an mit einer hochfrequenten quiekigen Stimme zu sprechen:
»Na endlich, da bist du ja, Prinz Sorkanbanipal, ich warte schon lange darauf, dass du kommst und mir endlich meine drei Wünsche erfüllst!«
Verdutzt blickte der Prinz zuerst auf den Djinn, dann fragend zu seinen Männern. Die hatten aufgehört zu jubeln, standen mit fragendem Gesichtsausdruck da und zuckten mit den Achseln.
»Was gibt es da zu gucken, hast du Bananen in den Ohren?« quiekte der Djinn.
Sorkanbanipal wandte sich ihm wieder zu.
»Ähm entschuldige werter Djinn, aber laut den Legenden meines Volkes ist es genau andersherum, DU musst MIR drei Wünsche erfüllen, nicht ich dir.«
Der Djinn blickte erbost drein: »Da täuschst du dich! Wenn ein Prinz die Lampe findet, so hat er dem Djinn die drei Wünsche zu erfüllen, schließlich ist er der Prinz und hat alle Macht der Welt…«
»Ähhh,…« Sorkanbanipal rieb sich ratlos seinen Kinnbart und blickte seitlich auf den riesigen Haufen Gold.
»Und was wäre dein erster Wunsch?«
»Ich will deinen ganzen Harem, inklusive deiner drei Lieblingsfrauen.« quiekte der Djinn.
Nun war es an Sorkanbanipal, böse zu werden.
»Nein unmöglich, diesen Wunsch erfülle ich dir nicht! Nicht meine Lieblingsfrauen!«
»Dann will ich noch alle Artefakte, die du je gefunden hast, auch diesen Schatz hier.« Der Djinn wedelte mit seinen dicken Fingern in Richtung des Goldhaufens.
Sorkanbanipal blieb bei diesen Worten der Mund offen stehen, er wusste nicht mehr, was er dazu noch sagen sollte.
»Und zu guter Letzt will ich deine Töchter heiraten. Beide!«
»Beide? Über eine ließe sich ja reden, aber beide? Nein, nein und nochmals nein!«
Er starrte den Djinn finster und ungläubig an.
»Packt den Schatz ein ihr Narren, wir verschwinden.« befahl er seinen Männern.
Sie kehrten in den Palast zurück und trotz des Schatzes war Sorkanbanipal tief enttäuscht von dem Fund des ach so legendären Djinn.
Der Djinn hindes gab nicht auf. Er ließ den Prinzen weder in Ruhe essen, schlafen, noch sich in seinem Harem vergnügen. Oder irgendetwas anderes tun, ohne dass er immer wieder plötzlich mit einem lauten »Plopp« erschien und mit seiner nervtötenden Stimme vom Prinz die Erfüllung seiner Wünsche verlangte.
Der Prinz verweigerte ihm dies, aber der Djinn erklärte ihm immer wieder sie seien nun aneinander gebunden und er müsse ihm die Wünsche erfüllen, sonst ließe er ihn nicht in Ruhe.
Die folgende Woche war für den Prinz äußerst zermürbend. Der Djinn ließ ihn nichts in Ruhe tun. Wollte er essen, so erschien er und zauberte es weg, wollte er schlafen, so tauchte er neben seinem Bett auf und sang lauthals schief. Wollte er aufs Klo, so zauberte er eine Bananenschale oder Öl auf den Boden und der Prinz rutsche darauf mehrfach aus. Schließlich suchte Sorkanbanipal Schutz in seinem Harem. Er wollte gerade zu seiner schönsten Lieblingsfrau auf den Diwan steigen, als es laut ploppte und der Djinn erschien.
»Oh nein, nicht du schon wieder.« stöhnte der Prinz mit dunklen Rändern unter den Augen.
»Du weißt was ich will!« quiekte der Djinn
»Gibt es nicht irgendeine andere Möglichkeit dich loszuwerden?« ächzte der Prinz.
Der Djinn rieb sich nachdenklich das Kinn und entgegnete dann: »Vielleicht gäbe es die.«
»Ja?« fragte Sorkanbanipal hoffnungsvoll »Wie wäre sie?«

»Wir sind uns einig, dass keiner von uns die Wünsche des Anderen zu erfüllen hat, wenn du mir einen Namen gibst. Ich wurde immer nur »Djinn« genannt und das geht mir auf die Nerven. Wenn du das tust, verschwinde ich.« Hoffnung auf Ruhe keimte in Sorkanbanipal auf und er entgegnete:
»Ja, meinetwegen, du sollst ab jetzt Al-Liunir heißen.«
Der Djinn nickte, nahm die Lampe, es machte »Plopp« und er verschwand.
Sorkanbanipal ächzte und legte sich auf den Diwan. »Endlich Ruhe!« stöhnte er genüsslich und schlief auf der Stelle ein.
Der Djinn aber war nun frei. Und er hatte die drei Wünsche, die er dem Prinz natürlich hätte erfüllen müssen, denn nach tausenden von Jahren der Gefangenschaft und Namenlosigkeit hatte ihm endlich jemand einen Namen und damit seine Freiheit gegeben.
Als Erstes wünschte sich der Djinn, dass seine große Liebe, die Djinnie, die Birpun gefangen hielt, Leila hieß.
Als Zweites wünschte sich der Djinn den Palast des Prinzen mit all seinen Dienern und als Drittes all das Gold und die Artefakte, welche die Königsfamilie in den langen Jahren gesammelt hatte.
So lebte er dann, reich und glücklich mit seiner großen Liebe, die ihm unendlich dankbar für die Befreiung war und ihm jeden Wunsch erfüllte in dem weiträumigen Palast an seiner Lieblingsoase. Fortan in Freiheit. Die Königsfamilie jedoch fand sich im Inneren einer Öllampe wieder und begann sofort zu streiten…

ENDE

Zur Website von Uwe Hermann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.