Schwarzes Licht – Band 1 der Yrangir – Bücher

Schwarzes Licht – der erste Yrangir – Roman erschien erstmals im Februar 2012

 

Jan Viebahn - SCHWARZES LICHT

Eben noch als normaler Mensch im Hier und Jetzt, findet Johann sich plötzlich in einer ihm völlig fremden Welt wieder und er hat sich verändert: In der Welt Yrangir ist er ein Dämon.
Schon bald stellt sich seine neue Situation als noch komplizierter heraus. Das Kaiserreich ist in Gefahr. Kjulan Schwarzklinge, der Herrscher des dunklen Reiches hat einen diabolischen Plan ausgeheckt um es endgültig zu unterwerfen – und das mit Johanns Hilfe!
Johann gerät zwischen die Fronten. Nun muss er den Häschern Kjulans entkommen. Doch die Menschen treten ihm mit Misstrauen gegenüber. Nur Farkar, ein Paladin des Lichtordens, steht ihm zur Seite. Aber auch dieser verfolgt seine eigenen Pläne.
Johann muss es schaffen einen Ausweg zu finden, jedoch viele Gefahren stellen sich ihm entgegen. Nicht zuletzt er selbst, denn er muss erkennen, er ist sein größter Feind!
Kann sich Johann dem Zwang der dunklen Mächte widersetzen?

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Leseprobe aus Schwarzes Licht:

Kniend kauerten vier Männer in dem runden, dunklen Raum, der vom Schein unzähliger züngelnder Kerzen erhellt wurde. Sie hatten sich im Kreis um eine mehrere Meter große Chaossonne gruppiert, die mit Blut in der Mitte des Raumes auf den Boden gemalt war. Viele kleinere Runen standen an den Rändern des inneren Kreises der Sonne geschrieben. Das Licht flackerte und es schien, als brächte es nicht Licht, sondern noch mehr Düsternis in den steinernen Raum.

Die Männer sahen hart und furchtlos aus. Ihre Gesichter und Hände waren ebenfalls mit dunklen Runen bedeckt, die sich von der weißen Haut abhoben. Sie trugen lange, schwarze Roben und ihre Umrisse verschwammen in dieser schummrigen Finsternis. Dann begann einer von ihnen einen Singsang aus kehligen Lauten. Die anderen fielen ein und der finstere Chor erfüllte den Raum. Immer und immer wieder setzten sie ihren Gesang neu an, immer lauter und mit ihrer gesamten Energie.

Plötzlich flammte das Blutzeichen auf, der Boden im Kreis senkte sich und eine tiefe, feurige Schlucht tat sich auf, aus der die Hitze emporschoss.

Die Männer verstärkten ihren Gesang und berührten in einer geheimnisvollen Reihenfolge die Runen außerhalb des Kreises. Sofort bildete sich eine Glocke aus violetter, wabernder Materie über dem Schlund und dämpfte das Licht der Flammen, die daraus emporschossen.

Ein markerschütternder Ton erklang aus den Tiefen des Schachtes. Ohrenbetäubend laut und so grausam war der Laut, dass die Männer am ganzen Körper zuckten und die Gesichter schmerzerfüllt zusammenzogen. Doch sie brachen ihren Singsang nicht ab, sondern verstärkten die Lautstärke noch einmal, als ihr Anführer die Hand hob. Das unheimliche Gebrüll aus dem Schacht wurde noch lauter und die Flammen schienen sich zu verdichten.

Kurz darauf schoss ein über und über flammendes Wesen im Schacht empor. Es wurde aufgehalten von der violetten Haube, die als Halbkugel über dem Loch entstanden war. Der Raum erbebte. Zwei gelbrote Hitzepunkte bewegten sich aufgeregt darin und schienen die Männer gierig anzustarren. Ein glühendes Augenpaar. Und darunter züngelte eine lodernde Feuerzunge gefräßig und wie von Durst getrieben gegen die Barriere.

Der Anführer erhob sich und machte ein Zeichen in die Luft, worauf sich der Schacht unter dem Monster schloss. Die Flammen fraßen an der durchsichtigen Halbkugel. Das Wesen tobte unter dem Schirm, sodass sich feine Risse im Steinboden bildeten.

Schweißperlen standen auf der Stirn des Anführers, als er ein langes Brandeisen mit einer glühenden Sonne am Ende zur Hand nahm und tief durchatmete.

Schneller, als man es dem alten Mann zugetraut hätte, stach er mit dem langen Eisen durch die Barriere in die Mitte der Flammen, bis er einen Widerstand spürte. Die Antwort war ein Ruf wie aus Wut und Hass. Die Gesichter der anderen Männer wurden aschfahl.

Dann nahm der Anführer einen Topf mit Pulver in die Hände und rief laute Beschwörungsformeln, er warf den Inhalt auf die Materie.

Plötzlich gab es einen so grellen Lichtblitz, dass alle die Köpfe wegdrehten und mit den Gesichtern am Boden liegen blieben. Ein Entsetzen durchzuckte sie.

Geblendet krabbelten alle außer dem Anführer an den Rand des Raumes, jeder so weit wie möglich weg von dem Beschwörungskreis. Der Anführer aber stand an seinem Platz, mit hoch erhobenen Armen hielt er einen runenverzierten Totenschädel schräg über sich in Richtung des Ritualkreises. »Aaaah!«, brüllte er mit angsterfülltem Gesicht und sein ganzer Körper zitterte vor Anstrengung.

Dann drehte er sich zu den anderen, die voller Angst immer noch am Boden kauerten. »Bei Beron, dem Gott der Schatten, wie konnte das geschehen!?«, schrie er.

Die anderen starrten ihn an.

***

Johann Kernost verließ mit Jido, seinem Hund, einem beige-braun gefleckten Terriermischling mit Schlappohren, an diesem Abend Julias und seine Wohnung. Gekleidet war er in eine Jeans, ein AC/DC-T-Shirt und blau-rote Turnschuhe. Er rief wie immer noch hinein: »Schatz, ich bin mal mit dem Hund draußen.« Und von drinnen kam fröhlich die Antwort: »Dann viel Spaß!«

Wie gewohnt ging er seine Straße hinunter und schlug den Weg zu den Feldern außerhalb des kleinen Dorfes ein. Dort angekommen machte er Jido von der Leine los. Wie immer vergewisserte er sich, dass der Hund ganz bei ihm war, indem er ihn an sich zog, zweimal mit dem Leinenverschluss klackerte, bevor er ihn löste, dann losging und kurz stehen blieb. Jido verharrte neben ihm und blickte ihn erwartungsvoll an, er war ganz da. Also schickte er ihn. Der Terriermischling hüpfte freudig in die Felder, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Herumschnuppern, nachzugehen. Johann schlenderte in Richtung Waldrand, den Hund immer aus dem Augenwinkel im Blick behaltend. Sie hatten ihn letztes Jahr aus dem Tierheim geholt. Mit Hilfe einer Hundetrainerin war die Erziehung des total verwahrlosten Hundes, der sein Leben in einer Tötungsstation gefristet hatte, bevor Tierschützer ihn gerettet hatten, recht schnell vorangegangen. Doch er war sich noch nicht ganz sicher, ob das Band zwischen ihm und dem Hund so stark war, dass er nicht weglaufen würde. Er pfiff und Jido kam gehorsam angelaufen. Das beruhigte ihn.

Es war stürmisch an diesem Abend, aber er entschloss sich trotzdem durch den Wald zu gehen. Der Himmel war klar und er dachte einen Moment daran, später vielleicht noch seiner Leidenschaft, der Astronomie, nachzugehen. Doch er musste sich noch einige Gedanken zu seiner Übersetzungstätigkeit am Montag machen. Er arbeitete bei der UNO und in zwei Tagen wurde dort eine chinesische Handelsdelegation erwartet, für die er übersetzen sollte.

Ganz in Gedanken durch den Wald spazierend plante er das Wochenende. Zuerst heute Nacht vielleicht noch ein wenig die Sterne beobachten, dann morgen gemütlich frühstücken, sein Wirtschaftschinesisch auffrischen, dann zum Training. Seine zweite Leidenschaft war Kampfsport, gerade vor einem halben Jahr hatte er eine neue Art angefangen, die ihn faszinierte: chinesisches Kung-Fu. Er liebte alle Arten von Fantasy-, Science Fiction- und Actionfilmen. Vor allem von Jackie Chan war er schwer beeindruckt. Wahnsinnig tolle Kampfkunst und er machte die Stunts selbst. Das musste ihm erst einmal jemand nachmachen.

Abends würden sie dann vielleicht in ihrem kleinen Garten grillen, wenn das Wetter morgen mitspielte, dachte er gerade, als eine Sturmböe durch das Geäst pfiff und er ein lautes Knacken über sich vernahm. Er konnte gerade noch den Arm nach oben reißen, als er den schweren Ast wahrnahm, der auf ihn niederging, doch er wurde trotzdem hart am Kopf getroffen. Er fiel nieder und blieb reglos liegen.

***

In alter Zeit:

An einem prunkvollen Schreibpult saß Kaiser Belius II. allein in seinen herrschaftlichen Gemächern. Sein Haar war grau, der lange Bart schlohweiß. Das sonst so gütige Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen. Er starrte auf die Nachricht, die er soeben erhalten hatte. Sein Leben lang hatte er die Ideale seines Glaubens verfolgt. Er hob den Kopf und blickte zu dem Bildnis Orikanus’, des Gottes der Weisheit und des Lichts, welches schräg neben ihm an der Wand hing. Der Lichtgott war darauf als Mann dargestellt, der einem armen Bettler eine Rebe Weintrauben reichte. Gedankenverloren betrachtete Belius das Bildnis. Stets hatte er versucht, Frieden zu wahren, mit Gerechtigkeit und Güte zu regieren. Und bis heute hatte er gedacht, das Ergebnis seiner Handlungen sei ein gutes gewesen. Doch nun diese Nachricht.

Hitar lag ganz im Süden des Kaiserreichs. Es war seit Menschengedenken das Bollwerk des Reiches gegen die Clans der Orks. Diese waren seit jeher nicht nur in Blutfehden untereinander verstrickt, sondern marodierten auch im Kaiserreich. Die Hitarii waren die Grenzwächter, die dies unterbanden. Ein stolzes Bergvolk von unerschütterlichen Kriegern.

Jedoch gab es seit einiger Zeit Gerüchte, dass die Hitarii dem Glauben an den Lichtgott abgeschworen hatten und nun die dunklen Götter des Chaos anbeteten. Man munkelte, sie würden alle eine unheilige Mannesweihe durchlaufen und nun selbst ihre eigenen Verwandten den neuen Göttern opfern. Es hieß außerdem, sie ließen sich überall am Körper Chaosrunen tätowieren.

Und was ihm sein Spion in diesem Bericht nun mitteilte, machte aus den Gerüchten eine verhängnisvolle Wahrheit. All diese Geschichten waren wahr und schlimmer noch. Zarstan, dem Herzog der Hitarii, war ein Geschenk der dunklen Götter gemacht worden. Er hatte nun seinen eigenen Dämon, der ihm diente.

Wie war das nur geschehen? Kaiser Belius stöhnte schwach bei dem Gedanken an Krieg. Hitar war ein mächtiges Bollwerk. Zahllose Unschuldige würden an den Mauern seiner Festungen sterben, sollte der Kaiser ein Heer zusammenrufen, um dem Unglauben Einhalt zu gebieten.

Nein, es musste eine andere Lösung geben. Doch welche? Wie konnte er Zarstan und seinem Gefolge Vernunft beibringen? Der Kaiser war ratlos. Ächzend legte er seinen Kopf in die Hände.

***

Benommen drehte Johann den Kopf und hörte das Zwitschern von Vögeln. Er sog die frische Luft tief in seine Lungen. Es roch nach Frühling im Wald.

Er öffnete die Augen und sah über sich ein grünes Blätterdach, durch das der blaue Himmel strahlte. Es war warm und er fühlte sich kräftig. Er schloss erleichtert noch einmal die Augen. Neue Energie schien in seinen Körper zu dringen und er genoss es. Aber er fühlte sich auch seltsam anders, und das war nicht nur diese neue Energie. Etwas matt wie nach einer großen Anstrengung lag er da und hielt die Augen geschlossen, obwohl ein brennender Schmerz von seiner linken ersten Rippe ausging.

Plötzlich hörte er einen schrillen Frauenschrei. Mit einem Satz, wenn auch etwas unbeholfen war er auf den Beinen und blickte um sich. Vielleicht zwanzig Meter von ihm entfernt stand ein zierliches Mädchen in einem seltsamen rauen Stoffkleid, die Haare mit einem blauen Band hochgebunden. Sie starrte entsetzt und mit weit geöffneten Augen in seine Richtung und konnte sich vor Furcht offenbar nicht rühren. Er wandte den Kopf nach hinten, voller Angst, was da so Schreckliches hinter ihm lauern konnte, doch da war nichts zu sehen. Er sah nur eine Lichtung mit einem Bach und einem kleinen See. Friedlich lagen Seerosen auf der Oberfläche und das Quaken eines Frosches war zu hören. Er drehte sich wieder zu dem Mädchen, das immer noch erstarrt an derselben Stelle stand.

»Was ist los, wovor hast du Angst?« In diesem Augenblick erschrak er vor seiner eigenen Stimme, die tief, rau und unmenschlich klang.

Das Mädchen riss die Augen noch weiter auf und schien sich wieder bewegen zu können, dann schrie sie erneut und rannte, so schnell sie konnte, in den Wald hinein.

»Hey, warte doch!«, rief er ihr nach und hob dabei die Hand … Aber was war das? Dann sah er seine Hand an. Sie war schwarz, sehr groß und mit feinen Schuppen statt Haut bedeckt. Seine Fingernägel waren keine Nägel, sondern sehr feste Klauen, und sie sahen messerscharf aus. Sein Blick glitt den langen muskulösen Arm hinab. Überall war er mit feinen schwarzen Schuppen bedeckt. Sein Körper war massig und fest. Außerdem war er sehr groß, er überragte einen erwachsenen Mann um das Anderthalbfache. Er blickte an sich hinunter: Auf Höhe der ersten Rippe auf der linken Seite war ein Zeichen eingebrannt. Es sah aus wie eine etwas unvollständige Sonne.

Er verdrehte den Hals, um zur Seite sehen zu können, und stellte fest, dass er den Kopf bis fast nach hinten drehen konnte. Und was war das? Er hatte nicht nur Arme und Beine. Er besaß auch … Mit einem leisen Rascheln entfalteten sich ledrige, tiefschwarze Flügel. Und über dem Steiß trug er einen langen, kräftigen Schwanz. War es ein Traum? Ja, er musste träumen. So etwas gab es nicht. Aber er konnte den Wald riechen, die Geräusche der Tiere hören und die Energie in seinem Körper spüren. So gut und kräftig hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Stark, sehr stark und frei. Mit einem kräftigen Schwung der Schulterarme bewegte er die Flügel – und fiel dabei fast auf den Boden. Er taumelte etwas, versuchte nun aber mit vorsichtigen Schritten zu gehen und seine Körperteile zu bewegen.

Im Gehen spürte er seine kräftigen Oberschenkel. Das gab ihm Sicherheit. Und diese enormen Schwingen. Riesige krallenartige Füße und Hände. Und sein Gesicht?

Beklommen lief er in Richtung See. Wie mochte das Gesicht eines solchen Wesens aussehen? Am Wasser angekommen, näherte er sich langsam dem Uferrand. Er beugte sich über den Wasserspiegel und sah sein verschwommenes Ebenbild. »Nein!«, brüllte er. »Nein! Bitte!« Ein großer, gehörnter Kopf mit platter und offener Nase, spitze Ohren, rot funkelnde Augen und lange, gerade Hörner spiegelten sich unter ihm im Wasser. Ein wahrhaft dämonischer Anblick. Er wandte sich ab, konnte aber nicht anders, als erneut ins Wasser zu blicken. Er war entsetzt und zugleich fasziniert.

Fassungslos bewegte er die Flügel ein wenig vor und zurück. Das Wasser reagierte sofort mit einer kleinen Welle, die über den Teich rollte. Welche Kraft. Indem er die Flügel spannte und auf und nieder schwang, hob er leicht ab, ließ sich aber sofort wieder sinken.

Er tastete seinen Körper ab. Seine Hörner über den Augen waren dick und fühlten sich sehr stabil an. Damit kann ich einen Ochsen aufspießen, dachte er. Sein Hals war gedrungen und seine Schultern breit und kräftig.

Plötzlich bemerkte er etwas neben sich im hohen Gras. Er drehte sich zur Seite: Ein Eichhörnchen hockte keine zwei Meter von ihm entfernt, blickte ihn an und schnupperte. Es schien keine Furcht vor ihm zu haben, nein, es schien eher neugierig. Er hockte sich ins trockene Gras und streckte dem Eichhörnchen die geöffnete Klaue entgegen. Es kam näher und schnupperte an ihm, dann huschte es davon. Wie seltsam, ich fürchte mich vor mir selbst und dieses kleine scheue Lebewesen kommt daher gehüpft und beschnuppert mich.

Er blieb im Gras hocken und schlug die Hände vors Gesicht. »Oh Gott. Was für ein Wesen bin ich?« Das konnte doch nicht wahr sein, das durfte nicht wahr sein. Nein, so ein Wesen wollte er nicht sein. So eins nicht! »Lieber will ich …«

Einem Impuls folgend, hob er den Kopf und hielt die Nase in die Luft. Da war etwas. Lebewesen. Der Geruch kam von der Lichtung herüber. Waren das Menschen? Menschen, die Angst hatten? Kein Geräusch war zu hören, aber dieser schwache, scharfe Geruch lag in der Luft.

Er richtete sich auf und spähte zum Waldrand. Dort waren Gestalten im Gebüsch. Sie hielten sich verborgen, aber hier und da bewegten sich Zweige. Er sog die Luft ein. Ja, sie hatten Angst.

Er entschloss sich, ihnen zu zeigen, dass er nichts Böses im Schilde führte. Er hob die Hände und rief: »Hey, hallo, ich tue euch nichts, kommt raus, lasst uns reden!« Befehlsartige, aber leise gesprochene Worte vernahm er, aber diese Sprache verstand er nicht. War es überhaupt eine Sprache? Plötzlich ging alles sehr schnell und Pfeile schossen aus dem Unterholz auf ihn zu. Er sprang mit einem Satz beiseite hinter den Stamm einer riesigen Eiche am Rand der Lichtung. Angst und Zorn ergriffen ihn gleichermaßen. Was ging hier vor? Abermals schossen mehrere Pfeile aus dem Dickicht heran, einige bohrten sich in den Stamm, andere pfiffen knapp an ihm vorbei. »Verdammt, was soll das!?«

Er trat hinter dem Baumstamm hervor: »Kommt raus und hört verdammt noch mal auf damit!« Seine dunkle Stimme klang grausam im Zorn. Daraufhin ertönten Kampfschreie aus dem Dickicht und eine Horde von Männern kam aus dem Wald auf ihn zugerannt. Sie trugen Kettenhemden, Schwerter und Schilde, einige auch Hellebarden, weiter hinten standen welche mit Bögen, die auf ihn anlegten. Die Vorderen sahen wild entschlossen aus, ihm den Schädel einzuschlagen. Ohne noch nachzudenken, breitete er die Flügel aus und hob vom Boden ab. Die Wucht des Luftzugs warf die Männer nah bei ihm zu Boden. Pfeile sirrten ihm hinterher, er zuckte zusammen, als einer sich in seinen rechten Flügel bohrte und darin stecken blieb. Dennoch konnte er weiterfliegen und schoss, so schnell er konnte, über den Wald davon.

***

Nun schon seit geraumer Zeit, so kam es ihm vor, flog er mit enormer Geschwindigkeit über den Wald dahin. Er war sich sicher, dass ihm unten auf dem Boden kein Mensch so schnell hatte folgen können. Auf einer kleinen Lichtung landete er und betastete erst einmal den Flügel, in dem der Pfeil steckte. Er brach das obere Stück mit der Feder ab und zog dann den Schaft heraus. Der Flügel hatte weiter keinen Schaden genommen. Langsam erholte er sich von dem Schock. Seltsam, wer lief heutzutage mit Kettenhemd und Schwert bewaffnet in der Gegend herum?

In welchem Land mochte er sein? Die Sprache, die hier gesprochen wurde, hatte er auf jeden Fall noch nie gehört. Und er erkannte ansatzweise sehr viele Sprachen. Am besten war es sicherlich, erst einmal ungesehen zu bleiben und die Menschen zu beobachten, sonst schossen sie doch nur wieder auf ihn. Wenn hier aber mit Pfeil und Bogen gekämpft wurde, dann konnte er ohne Gefahr hoch aus der Luft Beobachtungen anstellen. Irgendwo würde es Siedlungen geben. Tief atmete er die Luft ein und füllte seine Lungen so weit, wie es ging. Dann stieß er die Luft kräftig aus und atmete von Neuem tief ein. Das tat gut.

Er stellte sich aufrecht und hielt die Nase in die Luft. Irgendwo witterte er ein paar Rehe im Wald. Zu hören waren sonst nur Vögel und einmal ein leises Astknacken.

Diesmal flog er noch etwas höher, um ganz sicher zu sein. Es ging zurück in Richtung der Lichtung. Irgendwo dort mussten diese Menschen ja hausen. Sein Überblick von da oben über das weite Land war wunderbar. Unberührte Natur überall. Prächtige grüne Baumkronen. Weiter blauer Himmel mit vereinzelten Pulverwölkchen. Tiefgrüne Lichtungen hier und da.

Als er wieder an der Lichtung mit dem kleinen See war, flog er in jene Richtung, in die das Mädchen erschrocken davongerannt war. Gar nicht so weit entfernt sah er Rauch aufsteigen. Die Sonne stand schon recht tief über dem Horizont, bald würde es Nacht werden. Es war sicher besser, erst einmal zu warten, bis es dunkel geworden war, dann konnte ihn auch niemand mehr sehen. Er suchte sich einen großen Baum aus und versteckte sich hoch oben im Wipfel.

Bald schon brach die Dunkelheit herein und er setzte seinen Erkundungsflug fort. Die Finsternis machte ihm nichts aus, er sah wie am helllichten Tag.

Hinter einem Hügel lag ein kleines, mit Holzpalisaden befestigtes Dorf im Wald. Er suchte sich eine gewaltige Eiche aus, landete in ihrer Krone und spähte von dort über die Palisaden. Alles erschien ihm mittelalterlich: einfache Holzhütten mit Stroh gedeckt, ein Steinbrunnen, platt getrampelte Lehmwege, kleine Gemüsebeete, winzige Gehege mit Hühnern und Schweinen, Holzfässer und Karren mit grob gearbeiteten Rädern. Ein Feuer brannte. Die Menschen erledigten ihre Arbeiten. Ein Schmied hämmerte auf einem Amboss herum und vor einer anderen Hütte flocht eine Frau einen Korb. Wo zum Teufel war er?

Das ganze Dorf wurde am Rand von Männern bewacht, die auf den Palisaden verteilt waren. Alle trugen Kettenhemden und waren mit Schild und Schwert, langen Piken oder Armbrüsten bewaffnet. Die Wachen schienen nicht sehr aufmerksam.

Mit einem Mal lag ein Geruch in der Luft, den er noch niemals gerochen hatte. Es roch widerlich, es stank und schien von allen Seiten zugleich zu kommen. Vorsichtig spähte er in die entgegengesetzte Richtung. Wer war das? Er erkannte Gestalten, die durch den Wald schlichen. Kräftige Gestalten mit grüner Haut, primitiven Waffen und großen Hauern in ihren Gesichtern. Ihre Mienen ließen auf keine guten Absichten schließen. Waren das Orks? Er staunte nicht schlecht und fühlte sich auf einmal in eine Fantasywelt versetzt.

Der ganze Wald schien voll von ihnen zu sein. Er hörte leise Befehle und … er verstand sie. Die Anführer ermahnten ihre grunzende Rotte, ruhig zu sein und leise voranzuschleichen. Verdammt, was konnte er tun? Er musste die Menschen vor den Orks warnen, sie wollten das Dorf plündern.

Jedoch wie sollte er sie warnen, die Menschen waren ihm feindselig gesinnt und würden ihn nicht verstehen. Und doch, er hatte eine Idee! Er warf sich in die Luft, rauschte auf das Dorf zu und brüllte aus Leibeskräften: »Raaaaaaaaaaaaarrrrrrrrrr!« Dann flog er steil in den Himmel und über die Orkmeute hinweg, sodass die Menschen sie einfach bemerken mussten. Sofort ertönten hinter ihm ein Hornsignal und Rufe. Er kehrte in den Baum zurück, aber kaum saß er dort, da fielen die Orks auch schon ins Dorf ein. Keine Sekunde hatten sie mehr gezögert. Sie schlugen sich mit den Torwachen. Bis auf die wenigen Wachen rannten die Männer nur mit Mistgabeln oder Dreschflegeln in den Händen zu den Palisaden und versuchten verzweifelt zu verhindern, dass die Orks eindrangen. Johann schlug das Herz bis zum Hals, seine Kehle war trocken, sein Blut hämmerte. Seine Gedanken rasten. Die Menschen würden ihn ebenso angreifen wie die Orks. Wenn er sich einmischte, war die Gefahr groß, dass auch er nicht lebend herauskommen würde.

Dann nahm das Gemetzel seinen Lauf. Die Dorfbewohner hatten keine Chance, es waren nur einfache Leute, keine Soldaten. Die meisten Männer waren bereits tot, nun zerrten die Orks die Frauen aus den Häusern und erschlugen oder vergewaltigten sie. Weinend und schreiend bettelten sie um das Leben ihrer Kinder, doch die Orks kannten keine Gnade. Sie erschlugen selbst die Kleinsten. Da sah Johann, wie sich ein Mädchen hinter einem Haus entlangschlich und über die Palisade zu klettern versuchte. Gerade war sie oben, da entdeckte ein Ork sie, grunzte laut und schrie: »Dich krieg ich, Leckerchen!« Damit rannte er hinter ihr her.

Johann spürte in sich ein Gefühl aufkommen, das er nicht kannte. Warm wurde ihm, seine Krallen spreizten sich und zogen sich wieder zusammen, seine Augen weiteten sich, der Blick wurde starr und in seinem Mund schmeckte es wie nach Blut. Diesen Ork, er wollte diesen Ork. Er würde ihn …

Das Mädchen rannte geradewegs in Johanns Richtung. Dicht hinter ihr der Ork. Dann war Johann entschlossen. Er sprang hinab, faltete die Flügel weit auseinander und glitt lautlos dem Ork und dem Mädchen entgegen. In dem Augenblick, als der Ork nach dem Mädchen griff, riss Johann es mit sich in die Lüfte. Sie schrie auf und zappelte voller Angst, doch er ließ sie nicht mehr los und flog mit ihr über die hohen Wipfel davon.

 

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